Rund 90 Milliarden Bäume wachsen in Deutschland auf einer Fläche von über elf Millionen Hektar. Damit ist laut Bundeswaldinventur ein knappes Drittel der Bundesrepublik mit Wald bedeckt. Kein anderes Land in Mitteleuropa besitzt mehr Wald. Auf sieben Bundesbürger kommt durchschnittlich ein Hektar. Die häufigsten Baumarten in Deutschland sind die Nadelbäume Fichte (25%) und Kiefer (23%), gefolgt von den Laubbäumen Buche (16%) und Eiche (11%).
Seit der letzten grossen Debatte um das Waldsterben in den 80er-Jahren werden Zustand und Entwicklung des deutschen Waldes flächendeckend beobachtet. Die Waldzustandserhebung 2019 zeigt leider: Unserem Wald geht es nicht gut. Genau genommen ging es ihm seit Beginn des Langzeitmonitorings im Jahr 1984 noch nie so schlecht.
Hitze und Trockenheit setzen dem Wald massiv zu
Der extreme Wassermangel in zwei aufeinander folgenden trockenen Sommern hat die Widerstandskraft der Bäume massiv geschwächt. 2018 war das wärmste Jahr seit Beginn der Wetteraufzeichnungen 1881. Neben den zunehmend lichter werdenden Kronen hat sich 2019 auch die Sterberate bei Laub- und Nadelbäumen drastisch erhöht. Sie war mehr als doppelt so hoch wie in den Vorjahren. 180.000 Hektar Wald sind bereits abgestorben. Schädlinge wie der Borkenkäfer fanden ideale Bedingungen, um sich weiter massenhaft auszubreiten. Besonders die vorgeschädigten Fichtenbestände wurden stark befallen. Aber auch die Buche, die bisher weniger auffällig war, ist von Hitze- und Trockenstress gezeichnet.
Forscher rechnen im Zuge des Klimawandels künftig vermehrt mit solch extremen Witterungslagen, die dem Wald massiv zusetzen. Aber der Wald reagiert nicht nur sensibel auf den Klimawandel, sondern spielt zugleich eine grosse Rolle im Klimaschutz. Die deutschen Wälder leisten hierzu einen wichtigen Beitrag. Sie gehören laut Kohlenstoffinventur 2017 mit 358 Kubikmetern Holz pro Hektar zu den vorratsreichsten in Europa. In lebenden Bäumen und im Totholz sind derzeit rund 1,26 Milliarden Tonnen Kohlenstoff gebunden. Der Waldboden bindet laut Bodenzustandserhebung (2006–2008) in etwa noch einmal die gleiche Menge. Allerdings könnten die derzeitigen Waldschäden die Verhältnisse verändern.
Weitet man den Blick auf Europa, ergibt sich ein ähnliches Bild in Bezug auf den Zustand der Wälder. Rund 43 Prozent der Landmasse der Europäischen Union sind mit Wald bedeckt. Aber es gibt auch gute Nachrichten: Nach aktuellen Angaben der Vereinten Nationen, die alle fünf Jahre eine entsprechende Studie veröffentlichen, sank die global jährlich abgeholzte Fläche von zwölf auf zehn Millionen Hektar. Grund sei die nachhaltige Forstwirtschaft. Immer mehr Waldgebiete würden langfristig bewirtschaftet, so dass sich die Vernichtung der Wälder verlangsamt habe.
Was bedeutet nachhaltige Forstwirtschaft eigentlich in der Praxis?
«Der Begriff Nachhaltigkeit kommt ursprünglich aus der Forstwirtschaft», sagt Förster Karlheinz Bosch, Geschäftsführer der Rinnthaler Wald GmbH, und Revierleiter für zwei Gemeindewälder im südlichen Pfälzer Wald. Seine Forste liefern unter anderem waldfrisches Brennholz zum regionalen Verkauf durch die HORNBACH Forst GmbH (siehe Bericht S. X).
Eine nachhaltige Forstwirtschaft ist in Deutschland gesetzlich vorgeschrieben. In der Praxis bedeutet das, dass mittelfristig die innerhalb von zehn Jahren in einem Forst nachwachsende Baummenge gemessen und notiert wird. «Nur die Menge, die nachwächst, darf dann auch geerntet werden», sagt Bosch. Diese nachhaltige Form der Bewirtschaftung wird von den örtlichen Forstbehörden überwacht. Wenn durch Schädlinge, Stürme oder Trockenheit viel Schadholz im Forst anfällt, muss die Menge des gehauenen Holzes entsprechend reduziert werden. So bleibt die Grundmenge an Holz innerhalb eines Forstes langfristig erhalten.
Doch klimabedingte Waldschäden machen auch vor nachhaltig bewirtschafteten Forsten keinen Halt. «Die grösste Gefahr für den Wald ist die grosse Trockenheit, die wir jetzt schon im dritten Jahr in Folge erleben. Das Immunsystem der Bäume leidet darunter sehr, sie werden anfälliger beispielsweise für Pilzbefall oder Borkenkäfer. Letztlich brechen die Kreisläufe der Bäume zusammen und sie sterben ab», sagt Bosch. Die Trockenheit beobachtet der Revierförster auch in seinen Wäldern: «Buchenkronen beginnen abzusterben, aber es sind bisher noch wenige. Stärker betroffen ist aktuell schon die Fichte durch den Borkenkäfer.»
Kann man überhaupt etwas unternehmen, um der grossen Trockenheit entgegenzuwirken? «Hoffen, dass es regnet», sagt Bosch. Ein Wald ist eben kein Garten, den man einfach wässern kann. «Ein zusätzliches Problem ist, dass Niederschläge immer häufiger als Starkregen auftreten, die an der Oberfläche abfliessen und nicht langsam in den Boden eindringen können. Es müsste also auch nachhaltig regnen.»
Mischwälder sind gesünder als Monokulturen
Wärme und Trockenheit, auch in Verbindung mit Sturmschäden, begünstigen zusätzlich die millionenfache Vermehrung des Borkenkäfers. Insbesondere für die Fichte ist dies der grösste Schädling. Kann denn wenigstens der Borkenkäfer nachhaltig bekämpft werden? «In der Form, wie er jetzt auftritt, eigentlich nicht. Es müssten riesige Mengen Gift eingesetzt werden, und das wäre der falsche Weg. Die Natur muss versuchen, selbst damit klar zu kommen und die Folgen müssen die Menschen tragen», sagt Bosch. «Wenn es noch möglich ist, sollten befallene Bäume natürlich dennoch schnell entfernt werden, damit sich der Käfer nicht weiter ausbreiten kann.»
Der ökologische Druck, unter den viele Bäume zunehmend geraten, wird an verschiedenen Stellen sichtbar. «Früher trat die Buchenmast etwa alle 7 bis 10 Jahre auf, heute sehen wir sie eher alle 2 bis 3 Jahre. Das ist ein typisches Zeichen für Stress. Die Bäume produzieren mehr Nachkommen, um zu überleben», sagt Bosch.
Lässt sich also gar nichts tun gegen die wachsenden Waldschäden? «Grundsätzlich sind Mischwälder weniger anfällig als Monokulturen, wie sie beispielsweise nach den beiden Weltkriegen mit Fichten-Beständen verstärkt in Deutschland angelegt wurden», sagt Bosch. Insbesondere bei der Wiederbewaldung von geschädigten Flächen solle deshalb darauf geachtet werden, einen der Region entsprechenden Mischwald anzulegen.
Doch nicht nur die Natur wird beeinträchtigt durch die klimabedingten Waldschäden. Auch auf das Angebot auf dem Holzmarkt wirkt sich der verschlechterte Zustand der Wälder aus. Es fällt aktuell viel mehr Schadholz an, als verwertet werden kann. Die zunehmenden Waldschäden vergrössern also erst einmal das Holzangebot. «Wenn sich die Lage hoffentlich irgendwann wieder normalisiert, wird dann aber insgesamt weniger Holz zur Verfügung stehen. Denn im Rahmen der Nachhaltigkeit darf dann auch weniger geerntet werden», sagt Bosch. Wie sich der Zustand der Wälder weiter entwickle, sei völlig offen.